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Funkamt Nauen

Wir konnten das historische Gelände des Funkamtes Nauen offiziell besuchen. Highlight ist der Muthesiusbau, welcher mit seinem Kathedral-ähnlichen Sendesaal-Architektur beeindruckt und zu den wenigen authentischen Zeitzeugnissen der Radio-Ära gehört. Teile des Gebäudes sind noch in Nutzung. Die Anlage steht für die Entwicklung von der drahtlosen Telegraphie zur modernen Kurzwellenkommunikation und ist ein Kulturdenkmal mit technischer Strahlkraft bis heute. Zur Geschichte der Anlage unter den Bildern:

Im Jahr 1906 errichtete die Firma Telefunken, eine Versuchsfunkstelle auf einem Feld bei Nauen. Warum Nauen? Es war flach, feucht (gut für die Erdung) und weit genug von Berlin entfernt, um Störungen zu vermeiden, aber nah genug für die Ingenieure. Die erste Anlage war bescheiden: ein 100 Meter hoher Antennenmast, gehalten von Seilen, und ein kleines Betriebsgebäude. Die Technologie war der sogenannte Löschfunkensender. Er erzeugte Funken, die zwar Töne senden konnten, aber noch sehr unpräzise waren. Trotzdem gelang schon 1909 ein Meilenstein: die erste Funkverbindung zur deutschen Kolonie Togo in Afrika, über 5.000 Kilometer entfernt! Nauen war damit die erste Großfunkstelle der Welt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs änderte sich alles. Die Briten kappten sofort alle deutschen Unterseekabel. Plötzlich war das Deutsche Reich von der Welt abgeschnitten. Das Funkamt Nauen wurde zur einzigen Lebensader, zur einzigen Möglichkeit, mit neutralen Ländern, den eigenen Kolonien und Schiffen auf den Weltmeeren zu kommunizieren. Die Anlage wurde fieberhaft ausgebaut. Man installierte einen extrem leistungsstarken Maschinensender, eine riesige Maschine, die eine kontinuierliche Radiowelle erzeugen konnte – ein gewaltiger technologischer Sprung. Über Nauen lief nun der gesamte diplomatische Funkverkehr. Sogar das berühmte "Zimmermann-Telegramm", das Mexiko zum Kriegseintritt gegen die USA bewegen sollte, wurde 1917 von Nauen aus gesendet. Nach dem Krieg wandelte sich die Nutzung von militärisch zu zivil. Nauen wurde zum Zentrum des weltweiten deutschen Funkverkehrs. 1920 wurde das beeindruckende Hauptgebäude, das Transradio-Haus, nach Plänen des berühmten Architekten Hermann Muthesius fertiggestellt. Dieses Gebäude im Art-déco-Stil strahlte Modernität und globale Bedeutung aus. In den 1920er Jahren kam die nächste Revolution: die Kurzwelle. Mit viel weniger Energie konnte man nun um die ganze Welt funken. Nauen wurde schnell zum Vorreiter dieser Technologie und baute riesige Vorhangantennen, die den Funkverkehr noch effizienter machten. Von hier aus wurden Telegramme, Telefongespräche und sogar die ersten Bildübertragungen in die ganze Welt gesendet. Nauen war das Tor Deutschlands zur Welt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Funkamt Nauen von der Reichspost übernommen und in den Dienst der Propaganda gestellt. Unter Joseph Goebbels wurde es zur zentralen Sendeanlage für den "Deutschen Auslandsrundfunk". Im Krieg diente die Anlage natürlich auch wieder militärischen Zwecken u.a. zur U-Boot Kommunikation. Gegen Kriegsende wurde die Anlage schwer beschädigt. Nach der Kapitulation demontierten sowjetische Truppen einen Großteil der verbliebenen technischen Ausstattung als Reparationsleistung.

Ab 1955 wurde die Anlage wieder aufgebaut und zur wichtigsten Kurzwellen-Sendeanlage der DDR. Von hier aus sendete "Radio Berlin International", die "Stimme der DDR", das sozialistische Weltbild in alle Himmelsrichtungen. Man errichtete neue, riesige drehbare Antennenanlagen, um die Sendungen gezielt auf verschiedene Regionen der Welt auszurichten – ein Propagandakrieg der Radiowellen im Kalten Krieg. Mit dem Ende der DDR 1990 wurde das Funkamt von der Deutschen Bundespost (später Deutsche Telekom) übernommen. Die goldene Ära der Kurzwelle war jedoch durch Satelliten und das aufkommende Internet bereits vorbei. Viele der Kurzwellendienste wurden nach und nach eingestellt.Heute ist das Funkamt Nauen immer noch in Betrieb, betrieben von der Media Broadcast GmbH. Seine Rolle hat sich aber stark verändert. Zwar werden noch einige wenige Kurzwellenprogramme für ausländische Kunden ausgestrahlt, aber die Hauptaufgaben sind andere:

  • Es dient als Sender für das Zeitsignal DCF77, das unzählige Funkuhren in Europa steuert.

  • Es sendet Wettermeldungen für die Seefahrt.

Das historische Transradio-Haus und viele der alten Antennenanlagen stehen heute unter Denkmalschutz. Sie sind ein eindrucksvolles Monument einer vergangenen Technologie-Ära.

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